Geburt im Geburtshaus – Was spricht dafür und was dagegen?

Spätestens im Laufe der Schwangerschaft musst du die Entscheidung treffen, wo dein Baby zur Welt kommen soll. Dabei gibt es viele Faktoren, die auf diese Entscheidung Einfluss haben. Mit diesem Beitrag möchte ich dich über eine Geburtsoption, das Geburtshaus informieren.

Meine beiden Kinder sind im Geburtshaus zur Welt gekommen. Rückblickend kann ich sagen, dass das für mich und für uns als Familie eine der besten Entscheidungen meines/unseres Lebens war. Ich habe mich dort wohl und unglaublich gut betreut gefühlt und weiß, dass ich in einer anderen Atmosphäre niemals so einfach meine Kinder hätte bekommen können. Ich blicke zurück auf zwei sehr schöne, selbstbestimmte und kraftvolle Geburten, an die ich immer wieder gerne zurück denke.

Damit auch du einschätzen kannst, ob eine Geburt im Geburtshaus für dich in Frage kommen könnte, erfährst du hier alles, was für eine Geburt im Geburtshaus spricht und auch, was dagegen sprechen könnte.

Was ist ein Geburtshaus?

Das Geburtshaus ist ein außerklinischer Geburtsort, der von Hebammen geleitet wird. Es ist für viele ein Kompromiss zwischen Klinik- und Hausgeburt. Hier werden Schwangere und Paare meist von der Schwangerschaft bis zum Wochenbett umfassend und persönlich betreut. Frauen wird hier eine natürliche, selbstbestimmte Geburt ohne (unnötige) Eingriffe ermöglicht, bei denen die Schwangere und ihre Bedürfnisse stark im Fokus steht. Die Geburten finden ambulant statt, sodass die Familie wenige Stunden nach der Geburt das Geburtshaus verlässt.

Wer darf im Geburtshaus entbinden?

Um mögliche Gefahren bei einer Geburt im Geburtshaus zu minimieren, dürfen nicht alle Schwangeren im Geburtshaus entbinden. Eine Entbindung ist jedoch für alle gesunden Schwangeren mit Einlingen, die in Schädellage liegen möglich, wenn der Schwangerschaftsverlauf unauffällig ist.

Darüber hinaus gibt es strenge Ausschlusskriterien, die eine Klinikgeburt erfordern, wie z. B. Mehrlingsgeburten, Beckenendlage, Geburt vor 37+0, insulinpflichtiger Diabetes und ein paar weitere.

Vorteile

Es gibt einige Vorteile einer Geburt im Geburtshaus, wobei sich die meisten auf den Vergleich mit einer Klinikgeburt beziehen. Wie stark diese Vorteile wiegen, ist am Ende aber natürlich von mehreren Faktoren abhängig. Neben der persönlichen Einschätzung, was einem wichtig ist und was nicht, spielt auch die Klinik selbst und die jeweilige Situation in der Klinik zur Geburtszeit eine Rolle. Die hier beschriebenen Vorteile können so also zumindest zum Teil auch in einer Klinik vorkommen, sind dort aber nicht die Regel.

Rundum-Betreuung

Das Betreuungsangebot des Geburtshauses ist meist ein Rundum-Angebot. Du kannst die meisten Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft hier durchführen lassen, den Geburtsvorbereitungskurs besuchen, dann natürlich zur Geburt dort hin gehen. Die Wochenbettbetreuung übernehmen die Hebammen auch, ebenso wie den Rückbildungskurs. Du bekommst also alles aus einer Hand und kannst dadurch deine Hebamme, das gesamte Team, die Räumlichkeiten und die Atmosphäre bzw. das Konzept des Hauses sehr gut kennenlernen. So erhältst du schon vor der Geburt ein Gefühl dafür, ob du dich dort gut aufgehoben fühlst, oder nicht.

Wohlfühlatmosphäre

Sich während der Geburt wohl zu fühlen, hat einen großen Einfluss auf den Geburtsverlauf. Deshalb wird im Geburtshaus großen Wert auf Wohlfühlatmosphäre gelegt. Die Räumlichkeiten sind sehr gemütlich eingerichtet und erinnern nicht an sterile Klinikräume. Meist ist das Licht gedämpft, es gibt Kerzen, Duftöle, leise Musik, bunte Kissen, Sofas, vielleicht eine Küche, einen Tisch zum gemeinsamen Sitzen. Das Geburtshaus erinnert so also eher an eine normale Wohnung, als an einen Geburtsort, wie du ihn vielleicht aus Filmen kennst.

Auch die Tatsache, dass man während der Schwangerschaft schon das Team und die Hebamme, die die Geburt begleiten wird, ebenso kennen lernt, wie die Räumlichkeiten, sorgt dafür, dass man sich dort wohl fühlt. Die Vorsorgeuntersuchungen, die die Hebammen vornehmen, sowie alle darüber hinaus gehenden Gespräche, sind von Beginn an sehr persönlich. Der Fokus liegt auch hier darauf, bis zur Geburt eine gute Vertrauensbasis zu schaffen und heraus zu finden, was dir hilft, eine schöne, selbstbestimmte Geburt zu erleben. Für die Termine wird viel Zeit eingeplant, sodass neben der reinen Untersuchung immer Zeit für Gespräche bleibt.

So hatte ich zum Ende der Schwangerschaft, nach vielen Treffen das Gefühl, man würde zur Geburt zu guten Freunden nach Hause kommen.

1 zu 1 Betreuung während der Geburt

Ein weiterer, sehr großer Vorteil des Geburtshauses ist die 1-zu-1-Betreuung unter der Geburt. Du wirst von deiner Hebamme während der gesamten Geburt begleitet, von Anfang bis Ende, solange du sie brauchst. Du bist also nicht von Schichtwechseln betroffen oder davon, dass eine Hebamme mehrere Schwangere betreuen muss. Dazu ist meist eine Zweithebamme vor Ort, die unterstützt, ebenso wie gewünschte Begleitpersonen (Partner, Freundinnen, Kinder), sodass man wirklich das „Rundum-sorglos-Betreuungspaket“ erhält.

Ausnahme Corona

Gerade die Regelungen bezüglich Begleitpersonen waren und sind durch Corona, vor allem in Kliniken, so schnelllebig, dass man keine genauen Aussagen treffen kann, die auch morgen noch gültig sind. So gibt es auch in Geburtshäusern unterschiedliche, aber deutlich familienfreundlichere Regelungen. Typisch sind z. B. Ausschlüsse von älteren Geschwisterkindern oder Begleitpersonen, die über den Partner hinaus gehen. Die Funktion des Partners bei der Geburt wird aber als so wichtig eingeschätzt, dass es hier eigentlich nicht zu Einschränkungen kommt. Der Partner darf mit zur Geburt, von Beginn des Aufenthalts bis zur Heimfahrt mit dem Baby. Zur Sicherheit solltet ihr aber im Vorfeld über die jeweils gültigen Regeln mit den Hebammen sprechen.

Natürliche Geburt mit all ihren Vorteilen

Im Geburtshaus ist eine interventionsarme, natürliche Geburt das Ziel. Es gibt keinen Zeitmangel, keine Eingriffe, die besonders gut abgerechnet werden können und Hebammen, die geübt darin sind, Gebärende zu lesen, statt an vielen Stellen auf Zahlen zu vertrauen. Es gibt keine unnötigen Eingriffe in den natürlichen Geburtsablauf. Angefangen bei dem Zugang, der in den meisten Krankenhäusern standardmäßig gelegt wird, kein regelmäßiges CTG, keine regelmäßigen vaginalen Untersuchungen, keine erzwungene Rückenlage, keine Wehenmittel, keine PDA oder sonstige „richtige“ Schmerzmittel.

Dafür erhält man viel Zeit, Bewegungsfreiheit, individuelle Unterstützung und Begleitung. Zu starke Schmerzen werden natürlich gelindert, durch Positionswechsel, ein warmes Bad, Massage o. Ä. Tatsächlich werden viele außerklinische Geburten auch aufgrund der Umstände als deutlich schmerzärmer empfunden.

Auch die Zeit direkt nach der Geburt verläuft im Geburtshaus sehr natürlich. Das Baby bleibt zum Bonding und zum ersten Stillen bei seiner Mutter. Es wird nicht direkt abgenabelt, gewaschen oder vermessen. Man wartet ganz geduldig auf die Nachgeburt, ohne dies zu forcieren.

Ausnahmen

Es gibt ein paar Ausnahmen, bei denen doch Eingriffe erfolgen (müssen). Der häufigste Fall ist wohl das Versorgen von Geburtsverletzungen nach der Geburt. Diese werden auch im Geburtshaus mit Betäubung genäht. Darüber hinaus gibt es für den Notfall verschiedene Maßnahmen, die die Hebammen ergreifen dürfen. Für diese Fälle sind sie ausgebildet und dürfen z. B. Zugänge legen oder Maßnahmen für Mutter oder Kind treffen, um eine Verlegung ins Krankenhaus vorzubereiten.

Ambulanter Start

Ein weiterer Vorteil, der mittlerweile auch in vielen Kliniken möglich ist, ist die ambulante Geburt. Die Eltern verbleiben also nach der Geburt nur ein paar Stunden (ca. 3-5) im Geburtshaus und fahren dann – vorausgesetzt, es geht Mutter und Baby gut – zum Kennenlernen nach Hause. Denn wo kuschelt es sich besser als im eigenen Bett?

Damit der Start im eigenen Zuhause gut klappt, kommt in der Regel schon innerhalb der ersten 24 Stunden die Hebamme vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Sowieso erfolgt die Betreuung in den ersten Tagen sehr intensiv, um die Eltern bestmöglich zu unterstützen.

Keine Vorbereitung

Verglichen mit einer Hausgeburt bietet die Geburt im Geburtshaus die Möglichkeit, sehr privat und in schöner Atmosphäre zu gebären, ohne eigene Vor- und Nachbereitungen treffen zu müssen. Geburtspool, Tücher, Gebärhocker, Decken usw. sind im Geburtshaus vorhanden und müssen nicht ausgeliehen/gekauft und pünktlich vorbereitet werden.

Keine Nachbarn

Darüber hinaus haben einige Schwangere Zuhause die Befürchtung, die Nachbarn könnten (gerade in einem Mietshaus) zu viel von der Geburt mitbekommen und befürchten, dadurch nicht ausreichend Entspannung während der Geburt finden zu können. Für diesen Fall ist das Geburtshaus ein guter Kompromiss, da man dort in Bezug auf die Nachbarn anonym entbinden kann.

 

Nachteile

Wie immer im Leben, hat alles Vor- und Nachteile. Deshalb sollst du auch die Nachteile einer Geburt im Geburtshaus erfahren, um dir ein umfassendes Bild machen und eine Entscheidung treffen zu können.

Beschränkte Kapazitäten

Die Betreuung im Geburtshaus ist mit sehr viel Verantwortung und Flexibilität verbunden. Da eine Entbindung jederzeit 3 Wochen vor ET und bis zu zwei Wochen nach ET möglich ist, stehen die betreuenden Hebammen zu dieser Zeit rund um die Uhr zur Verfügung (Rufbereitschaft). Eine solch intensive Betreuung führt dazu, dass die Plätze im Geburtshaus immer beschränkt sind.

Nicht nur Corona führt dazu, dass sich immer mehr Schwangere für eine außerklinische Geburt entscheiden. Deshalb solltest du dich, wenn du unbedingt einen Platz im Geburtshaus bekommen möchtest, schnellstmöglich dort anmelden. Schnellstmöglich bedeutet vielerorts „mit positivem Schwangerschaftstest“. Warte also nicht, bis die ersten 12 Wochen vorbei sind oder sogar noch länger, dann kann es sein, dass nicht einmal mehr ein Platz auf der Warteliste verfügbar ist.

Keine medizinische Unterstützung

Der vielleicht größte, zumindest aber der am häufigsten in Gesprächen über das Geburtshaus erwähnte Nachteil ist die fehlende medizinische Unterstützung (im Notfall). Angefangen bei einer PDA bei zu großen Schmerzen bis hin zum Arzt, der sich im Notfall um Mutter oder Kind kümmern kann.

An dieser Stelle gilt es, sich darüber zu informieren, wie häufig welche Eingriffe notwendig sind und wie oft sie durch die sogenannte Interventionskaskade in Kliniken überhaupt notwendig werden. Anschließend musst du eine Risikoabwägung durchführen und auch auf dein Gefühl hören. Fühlst du dich ohne Arzt wohl? Fühlst du dich mit Arzt wohl?

Die Hebammen im Geburtshaus tragen eine unglaublich große Verantwortung. Sollten Probleme auftreten, treten diese häufig so früh auf, dass eine ganz geordnete, völlig unkritische Verlegung ins Krankenhaus erfolgen kann (z. B. auch, wenn unbedingt eine PDA gewünscht wird). Dort findet dann eine Übergabe an die diensthabende Hebamme statt. Bei einer Entscheidung für das Geburtshaus solltet ihr im Vorfeld immer über den möglichen Notfall sprechen, um eine endgültige Entscheidung treffen zu können. Was passiert im Notfall? Wie weit ist der Weg zur nächsten Klinik? Welche Maßnahmen können noch vor Ort getroffen werden? Wie häufig kommt eine Not-Verlegung vor?

U2-Termin

Da die Geburt ambulant stattfindet, musst du dich selbst um einen U2-Termin (und evtl. zusätzliches Hörscreening) für das Baby kümmern, der im Krankenhaus normal am 3. Tag und somit vor der Entlassung durchgeführt wird. Die U2 muss zwischen dem 3. und 10. Tag durchgeführt werden, sodass sehr kurzfristig ein entsprechender Termin vereinbart werden muss.

Deshalb solltest du bereits während der Schwangerschaft den gewünschten Kinderarzt über die geplante ambulante Geburt informierten. Einige Kinderärzte lehnen neue Patienten zur U2 ab, deshalb solltest du frühzeitig mit der Suche nach einem geeigneten Arzt beginnen. Darüber hinaus musst du mit der Praxis klären, ob ein Versicherungsnachweis notwendig ist. Da die Versichertenkarte für das Baby normal erst mit der Geburtsurkunde und somit einige Tage nach der Geburt erstellt werden kann, liegt diese normalerweise zur U2 noch nicht vor. Einige Praxen verlangen einen Versicherungsnachweis, der bei der Krankenkasse angefordert werden kann, anderen reicht das Nachreichen der Karte, sobald diese vorhanden ist.

Damit du dich bestmöglich von der Geburt erholen kannst, bietet es sich an, den Termin möglichst weit nach hinten zu verlegen, damit du nicht am 3. Tag schon wieder das Haus verlassen musst.

Kosten Rufbereitschaft

Die Rufbereitschaft der Hebammen rund um den Geburtstermin wird nicht von den Krankenkassen übernommen. Hierfür fallen unterschiedliche hohe Kosten von meist jedoch mehreren Hundert Euro an.

Einige Kassen übernehmen aber zumindest Teile dieser Kosten, sodass auch hier im Vorfeld eine Anfrage bei der Krankenkasse sinnvoll ist.

Anti-D-Prophylaxe

Schwangere, die aufgrund der Rhesus-Unverträglichkeit nach der Geburt eine Anti-D-Prophylaxe benötigen, müssen sich dafür einen passenden Arzt suchen, da Hebammen diese Spritze nicht verabreichen dürfen. Die Prophylaxe muss innerhalb von 48 Stunden nach der Geburt durchgeführt werden, sollte die Blutgruppe des Babys zur Unverträglichkeit führen, sodass nach der Geburt nur wenig Zeit zur Organisation bleibt.

Deshalb solltest du, wenn du davon betroffen bist, im Vorfeld schon einen geeigneten Arzt suchen. Am praktischsten wäre ein Arzt, der Hausbesuche anbietet, damit du nicht direkt nach der Geburt eine Arztpraxis aufsuchen musst. Oft sind auch die Ärzte bereit, die Spritze zu setzen, verschreiben diese aber nicht. Hier muss dann eventuell noch eine Absprache mit der Gynäkologin/dem Gynäkologen erfolgen.

Mehr allgemeine Informationen zur Prophylaxe findest du hier.

Fazit

Jetzt hast du eine umfassende Übersicht über die Vor- und Nachteile einer Geburt im Geburtshaus und kannst so besser entscheiden, ob für euch eine solche Geburt eine Option wäre. Was für viele vielleicht als klarer Vorteil erscheint, ist für den Nächsten ein eindeutiger Nachteil und umgekehrt. Hier muss man am Ende also auf seine Bedürfnisse, seine Ängste und auf das eigene Bauchgefühl hören, um eine abschließende Entscheidung treffen zu können.

Hier noch einmal die Vor- und Nachteile im Überblick:

Vorteile

  • Rundumbetreuung
  • Wohlfühlatmosphäre
  • 1-zu-1-Betreuung
  • Natürliche Geburt
  • Ambulanter Start
  • Keine Vorbereitung
  • Keine Nachbarn

Nachteile

  • Beschränkte Kapazitäten
  • Fehlende medizinische Unterstützung
  • U2-Termin
  • Kosten
  • Anti-D-Prophylaxe

Da sowohl Annika als auch ich Geburtserfahrungen im Geburtshaus haben, kannst du uns gerne auch dazu befragen (per DM oder in unserer Gefährtinnen-Whatsapp-Gruppe). Hier kannst du auch den Geburtsbericht meines ersten Sohnes lesen und Annika berichtet in zwei Wochen hier über ihre Geburt im Geburtshaus.

Wenn dich das Thema „Geburt“ darüber hinaus interessiert, haben wir im Sommer ein Highlight für dich: Einen ganzen Themenmonat rund um dieses spannende Thema. Mit Informationen über andere Geburtsorte/-optionen, mit verschiedenen Geburtsberichten, mit Interviews und Fachartikeln.

 

Autorin: Anna

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