Hausgeburt trotz Wehensturm bei der ersten Geburt

Heute darf ich euch nach längerer Pause einen weiteren, wunderbaren Geburtsbericht einer Mama veröffentlichen, die ihre Erfahrungen mit euch teilen möchte. Es ist der erste Geburtsbericht einer Hausgeburt, was mich umso mehr freut.

Vielen Dank für diesen Einblick, liebe Hanna!

Über die Mama

Als ich 29 war, wurde ich das erste Mal schwanger. Ziemlich genau vier Jahre dauerte es, bis ich mir ein zweites Kind vorstellen konnte. Denn nicht nur die erste Geburt war für uns ein traumatisches Erlebnis, sondern auch die erste Zeit mit Baby und Kleinkind. Heute sind wir zu viert und ich möchte berichten, warum die zweite Geburt mich mit der ersten versöhnen konnte.

Bei meiner ersten Geburt hatte ich einen sogenannten Wehensturm. Von einem Wehensturm spricht man, wenn eine Frau ungewöhnlich starke Wehen hat oder keine Pausen zwischen den Wehen. Ausgelöst wird das durch übermäßig viel Oxytocin, z.B. durch ein sehr schweres Kind oder das frühzeitige Platzen der Fruchtblase. Ein Wehensturm ist nicht nur verdammt schmerzhaft, sondern kann auch gefährlich für das Baby werden. Im Krankenhaus bekommt man darum in so einem Fall Wehenhemmer – eigentlich recht frühzeitig. Bei mir allerdings waren so viele Geburten gleichzeitig, dass die Hebamme den Wehensturm viel zu spät bemerkte und darum einiges schief lief.

Natürlich kam dieses Thema sofort zum Vorschein, als ich das zweite Mal schwanger war.

Hanna - Vor der Geburt

Die Schwangerschaft

Meine erste Schwangerschaft war völlig ohne Komplikationen. In den ersten Wochen war mir furchtbar übel, aber davon abgesehen gab es nie ernsthaft Grund zur Sorge. Anders in der zweiten Schwangerschaft. Mehr als 16 Wochen war ich von enormer Übelkeit und Erschöpfung geplagt. Als das endlich aufhörte, setzen in der 18 Woche Blutungen ein, die bis kurz vor der Geburt immer wieder kamen. Die Plazenta, wie die Ärzte vermuteten und die Hebamme mir bestätigte.

Eigentlich hätte die Schwangerschaft also voller Sorge sein müssen. Gefühlt war sie aber im Gegenteil viel positiver als die erste.

Wie das geht? Ich weiß noch, wie ich an einem Punkt dachte: Ich kann nicht beeinflussen, ob mein Baby gesund zu mir heraus kommt. Angenommen dass nicht, wäre das einzige, was mir bleibt, die Zeit mit Baby im Bauch. Wie ich die verlebe und wahrnehme, kann ich durchaus beeinflussen.

Und so beschloss ich, mein Kind im Bauch zu lieben und die Zeit zu genießen. Solange sie mir blieb.

Hanna - Hausgeburt - Schwangerschaft

Die Vorbereitung

Auf einen klassischen Geburtsvorbereitungskurs haben wir diesmal bewusst verzichtet. Was mir auf meinem Weg zum Selbstvertrauen und zur Hausgeburt wirklich geholfen hat, war das Buch „Meisterin der Geburt“ von Jobina Schenk. Für mich eröffnete sich plötzlich die Möglichkeit, einen möglichen Wehensturm bei der zweiten Geburt auch ohne Medizin in den Griff zu bekommen. Und je länger ich darüber nachdachte, desto sicherer war ich mir, dass das auch passieren würde.

Das Buch war auch im Blick auf die erste Geburt ein Augenöffner und hat einen Verarbeitungsprozess angestoßen, den ich nicht für möglich gehalten hätte.

Ansonsten war die wohl wichtigste Leistung der Geburtsvorbereitung (neben der Organisation einer Hausgeburtshebamme) wohl die innere. In einer Welt, in der die meisten Menschen nur der Medizin, nicht aber sich selbst vertrauen, bin ich mit meinen Gedanken an eine Hausgeburt nicht nur auf Zustimmung und Unterstützung gestoßen. Vor allem meine Gynäkologin hat mich immer wieder stark verunsichert. Immer wieder zu mir und meinem Weg zu finden war nicht immer einfach angesichts der Blutungen.

Der Geburtsort

Und obwohl – oder wahrscheinlich gerade weil – wir am Abend der Geburt noch im Krankenhaus zur Überprüfung einer Blutung waren, kam mein zweites Kind zu Hause zur Welt. In dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Im Zimmer, das lange Zeit mein Kinderzimmer war und heute unser Wohnzimmer ist. Gegenüber von dem Haus, in dem wir zu dem Zeitpunkt mit meinen Eltern wohnten.

Mit der Lektüre des oben genannten Buches in der 26. SSW kam der Gedanke zum ersten Mal auf und verfestigte sich ziemlich schnell. Weil wir zu der Zeit noch mit meinen Eltern ein Haus teilten und die mein Vorhaben untersützten (mit denselben Ängsten und Zweifeln wie die meisten Menschen, aber doch zuversichtlich), war die praktische Durchführung nicht schwierig.

Hanna - Hausgeburt - Geburtsort

Die Hausgeburt

Im Prinzip verlief die Geburt fast genauso wie beim ersten Mal – nur eben ganz anders.

Früh morgens bekam ich die ersten Wehen. Während ich allerdings beim ersten Mal genau wusste, dass dies die ersten Eröffnungswehen sind, war ich diesmal unsicher. Denn die Wehen waren zwar regelmäßig, aber kaum schmerzhaft. Auch am Abend im Krankenhaus hielt niemand für wahrscheinlich, dass die Geburt bald anfangen würde. Gegen 23 Uhr, genau wie beim ersten Mal, platzte dann plötzlich die Fruchtblase. Mein Mann schlief schon, ich sah auf der Couch noch ein Video.

Wir riefen sofort die Hausgeburtshebamme an, die etwa 1,5 Stunden zu uns braucht. Sie beeilte sich. Etwa 10 Minuten nach Platzen der Fruchtblase begannen die Wehen übermäßig stark zu werden. Ich schaffte es gerade noch ins andere Haus. Die Wehenabstände wurden häufiger, die Schmerzen heftiger. Ich hatte das Gefühl, überrollt zu werden. Es war zu viel. Zu wenig Verschnaufpause. Genau wie beim ersten Mal. Die Hebamme würde noch brauchen. Jedoch wartete ich innerlich nur auf sie. Denn ich war mir sicher, dass sie mich ins Krankenhaus verlegen müsste. Doch dazu würde ich vorher Wehenhemmer brauchen. In diesem Zustand könnte ich nicht einmal eine Treppe nach unten gehen.

In meiner Not erinnerte ich mich an etwas, was ich einmal gelesen hatte: Tönen. Beim nächsten Mal, als ich dachte, mich zerreißt es innerlich, machte ich diesen lauten, brummenden Ton. Es half wirklich! Die Wehen waren immer noch schnell und heftig, aber ich konnte es irgendwie aushalten.

Die Hebamme kommt

Nach kurzer Zeit schon hatte ich das Gefühl, Presswehen zu haben.

Die Hebamme traf endlich ein.

Doch statt mir eine Spritze zu geben, begrüßte sie mich fröhlich und zuversichtlich. Die meiste Arbeit hätte ich schon getan und so wie sie das sehe, würde der Kleine bald herauskommen.

Tatsächlich dauerte es danach keine Stunde mehr und gegen zwei Uhr morgens war es geschafft. Ich kniete auf dem Boden, über einen Gymnastikball gebeugt. Meine Hebamme hinter mir, mein Mann vor mir. Mein neugeborener Sohn lag zwischen meinen Beinen. Ich sah ihn an und erkannte ihn sofort. Er atmete nicht. Aber ich hatte keine Sorge. Ich wusste, es geht ihm gut. Ich hatte vor einer Minute noch gespürt, wie er bei der Geburt mitarbeitet. Sein Köpfchen bewegt. Sich mit den Füßen abstößt. Ich wusste, es geht ihm gut. Die Hebamme bließ ihn mit einem kleinen Rohr an. Und dann atmete er. Fing an zu weinen. Ich nahm ihn hoch und legte mich mit ihm auf meiner Brust aufs Bett.

Hanna - Die Geburt

Das Besondere

Danach begann die für mich magischste Zeit in meinem Leben. Ich werde das Gefühl nie vergessen, wie ich am nächsten Morgen aufwachte. Mein Baby ins Handtuch gewickelt neben mir. Die Sonne schien hell und warm in unser Zimmer. Er schlief noch. Ebenso mein Mann auf der Matratze neben dem Bett. Alles war ruhig und friedlich. Und ich war so glücklich.

Das Besondere an dieser Geburt war nicht, dass sie zu Hause war. Was in unserer Gesellschaft ja sehr außergewöhnlich ist. Für mich war das Besondere, dass diese selbstbestimmte Geburt mich mit der ersten, traumatischen versöhnt hat. Denn zum einen weiß ich jetzt, dass damals nichts schief gelaufen ist. Meine Gebärmutter arbeitet einfach so stark und ich werde wahrscheinlich auch bei einem dritten Kind so übermäßige Wehen haben. Ich hätte nichts besser machen können damals. Trotzdem konnte ich, mit der Erfahrung der ersten Geburt, viel Vertrauen und Zuversicht, diesmal ohne medizinische Intervention den Wehensturm selbst in den Griff bekommen. Aus eigener Kraft gebären. Meinen Körper zumindest so weit bremsen, dass es für mich erträglich und für mein Kind nicht mehr gefährlich ist.

 Die Folgen

Ob die Geburt Auswirkungen auf mein Baby hatte oder nicht, kann ich nicht sagen. Theoretisch ist er ein Frühchen, denn rechnerisch kam er bei Wochen 36+0 zur Welt. Sowohl die Hausgeburtshebamme, als auch die Nachsorgehebamme waren aber sicher, dass er viel weiter entwickelt und reif für die Geburt war. Auch dem Kinderarzt bei der U2 fiel nichts ungewöhnliches auf. Deshalb bin ich froh, nicht im Krankenhaus gewesen zu sein, denn die hätten sicherlich eine ganze Palette an Untersuchungen durchführen müssen.

Stattdessen hatten wir einen wundervollen Start zu viert. Ich hatte ein echtes Wochenbett mit viel Ruhe, von Mama bekocht werden und vom Mann verwöhnt werden. Mein Sohn schlief die ersten Wochen seines Lebens fast ununterbrochen. Dieser Start wäre im Krankenhaus nicht möglich gewesen.

Langfristig denke ich aber nicht, dass es einen Unterschied macht. Mein Sohn ist nun 10 Wochen alt und nicht weniger anspruchsvoll als sein Bruder. Er schläft nie von selbst ein, ist ein Dauerstiller und lässt sich kaum ablegen. Auch das versöhnt mich irgendwie mit der ersten Babyzeit, denn ich habe mich oft gefragt, ob die schwere Geburt (und damit ich?) verantwortlich waren dafür, dass unser erstes Baby so anstrengend war.

Hanna - Folgen

Fazit

Rückblickend betrachtet kann ich sagen: Ich würde meinen zweiten Sohn jederzeit wieder zu Hause zur Welt bringen. Ein drittes Kind allerdings nicht. Für meinen Weg und meinen Heilungsprozess als Mutter war diese Erfahrung ungemein wichtig. Sie hat mich in meinem Selbstvertrauen und meiner positiven Einstellung zu meiner Weiblichkeit gestärkt. Allerdings weiß ich nun, dass das größte Vertrauen und all die Ruhe dieser Welt nicht verhindern können, dass meine Fruchtblase vorzeitig platzt und dadurch so starke Wehen ausgelöst werden. Sollte ich ein drittes Kind erwarten, würde ich darum ins Krankenhaus gehen und mir frühzeitig eine PDA geben lassen. Das mag widersprüchlich klingen, wäre aber beim nächsten Mal für mich der Weg, der sich richtig anfühlt. Für alle Beteiligten.

Hanna - Fazit

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