Und es geht wirklich ohne Schmerzen!

Nach zwei Geburten habe ich wirklich gedacht, ich wüsste, wie eine Geburt abläuft. Rückblickend kann ich sagen, ich war völlig ahnungslos!

Schlechte Erfahrungen

Eigentlich war uns schon immer klar, dass wir viele Kinder haben wollten, dass wir „nur“ zwei bekommen stand nie zur Diskussion. Und ich freute mich riesig auf unsren Großfamilienalltag. Nach der Geburt von unserem zweiten Kind im Sommer 2018 konnte ich mir allerdings nicht vorstellen, dass ich diese Höllenqualen noch einmal überleben würde. Ich wurde über vier Tage eingeleitet und musste dann ohne eine PDA einen fürchterlichen Wehensturm erleiden. Aber was das Schlimmste war; unserem kleinen Schatz ging es überhaupt nicht gut; direkt abgenabelt und weggebracht, ohne dass wir wussten wie es ihm geht. Für mich stand fest, das möchte oder eher gesagt, das kann ich nie wieder er- oder überleben. Deshalb habe ich kurz nach der Geburt meinem Mann gebeichtet, dass ich jetzt keine Kinder mehr möchte. Unser Lebenstraum war geplatzt.

Einige Tage später, nach ausgiebigem Kuscheln wusste ich dann, es muss einen Weg geben. Für mich stand fest, die nächsten Kinder nur noch mit geplantem Kaiserschnitt. Und je weiter die Geburt zurück lag, desto entspannter wurde ich bei dem Thema und habe kaum noch darüber nachgedacht. Für mich war irgendwann klar, dass die Einleitung an allem schuld war. Eingeleitet wurde wegen meiner Schwangerschaftsdiabetes, also hieß es die zu vermeiden. Ich habe dann unsere Ernährung umgestellt…Aber das ist ein anderes Thema.

Wie ein Fernsehabend unser Leben veränderte

Ich wurde mit unserem dritten Wunder schwanger. Und dann kam dieser Abend, der alles verändert hat! Vorab muss ich sagen, dass ich es absolut nicht verstehen konnte, wie man das Geburtshaus auch nur in Erwägung ziehen konnte, dieser Weg war für mich absolut verantwortungslos!

Ich saß also an diesem Abend mit meinem Mann auf dem Sofa und wir schauten uns eine Talk-Runde zum Thema „Gewalt in der Geburtshilfe“ an. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr wirklich, was genau besprochen wurde, ich weiß nur, dass ich stundenlang geweint habe und ich wusste, ich will keine Geburt mehr, wie ich sie kannte. Und die Einleitung war eben nicht an allem Schuld was wir Schreckliches während der Geburt erlebt haben. Das war mir plötzlich klar geworden, verarbeitet und realisiert hatte ich das Erlebte aber noch lange nicht. Vieles hatte ich auch schlichtweg verdrängt. Tatsächlich kam da zum ersten Mal der Gedanke „Geburtshaus“. Ich fing also an mich zu informieren.

Die ganze Nacht habe ich Studien darüber gelesen, ob eine Geburt im Geburtshaus genauso „sicher“ sein kann, wie eine Geburt im Krankenhaus. Und ja, genau das ist sie. Ich rief im Geburtshaus an und vereinbarte den ersten Termin. Bei diesem Termin wurden mir alle Bedenken genommen die ich noch hatte. Die Hebammen sind unglaublich gut ausgebildet, auch für den Notfall. Sie können sowohl nähen als auch Infusionen legen. Sie führen genaue Statistiken über alle Geburten. Und sie haben uns und unsere Ängste, Sorgen und Zweifel ernst genommen. Unsere Entscheidung stand also fest, wir wollen unser Kind im Geburtshaus auf die Welt bringen.

Sorgenvolle Schwangerschaft

Die Schwangerschaft war eigentlich geprägt von vielen Sorgen, ganz zu Beginn erkrankte mein Mann schwer. Lange wussten wir nicht, wie schlimm es um ihn steht, ob die Krankheit ansteckend ist, ob sie für mich, die Kinder oder das Baby gefährlich werden könnte. Dann hatte ich starke Blutungen, musste mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden. Nach drei Tagen wurde ich wieder entlassen, die Blutungen und die Sorgen sollten mich aber noch einige Wochen begleiten. Kurze Zeit später hat uns dann die Corona-Pandemie überrollt. Trotzdem blieb ich stets absolut positiv und freute mich wahnsinnig auf alles das was kommen würde.

Irgendwann stand die Geburt dann kurz bevor, ich hatte ständig Wehen, sie waren zwar schmerzlos, ließen mich aber wissen, dass es nicht mehr lange dauern würde. Leider erkrankte dann meine Mutter, sie konnte wegen der Ansteckungsgefahr nicht auf unsre Zwerge aufpassen. Ich kann nicht in Worte fassen, wie schlimm das für mich war. Denn unsere Zwerge sind eigentlich immer bei uns; Tag und Nacht. Wirklich nur in Ausnahmefällen, sind sie mal für wenige Stunden bei Oma und Opa. Sie gehen nicht in den Kindergarten und wurden sonst noch nie fremdbetreut. Mein schlimmster und schrecklichster Gedanke war, dass meine Kinder über mehrere Stunden bei Menschen sein würden, die sie kaum kannten…ein Horror für mich!!!

Dann hat sich meine Tante angeboten, sie wollte die Kinder auch vor der Geburt noch besser kennenlernen. Im letzten Moment haben wir dann alles nochmal umorganisiert. Unsre Kinder liebten meine Tante auf Anhieb und es hat wirklich sehr gut funktioniert. Montagmorgen bin ich aufgewacht und wollte es irgendwie nur noch hinter mich bringen. Ich hatte das Gefühl, wenn die Geburt noch weiter auf sich warten ließ, würde irgendetwas schief gehen oder meine Psyche nicht mehr mitmachen… Ich lag in unserem Bett, eingekuschelt zwischen unseren Kindern, ich hörte wie mein Mann sich für die Arbeit fertig machte…

 

Bitte, bitte, bitte…

Und dann fing ich an zu beten… Bitte, bitte, bitte, lass die Wehen kommen, bitte, bitte, bitte… Und die Wehen kamen!!! Ich konnte es wirklich nicht glauben, während meines Gebetes haben die Wehen eingesetzt. Schnell habe ich meinem Mann noch eine Nachricht geschrieben, dass er besser nicht auf die Arbeit fährt.

Er hat mir dann ein Bad eingelassen. Was dann folgte, war der schönste Tag in meinem Leben. Ich war baden, die Kinder um mich rum, sie streichelten mich, waren mit mir zusammen aufgeregt, wir waren spazieren, haben uns noch ein paar Leckereien im Dorfladen gekauft, ich war nochmal in der Badewanne… Ich hatte ständig Wehen, recht kräftig und regelmäßig, aber absolut schmerzfrei. Ich war total begeistert Im Geburtsvorbereitungskurs habe ich von schmerzfreien Wehen gehört, in vielen Büchern habe ich darüber gelesen, daran zu glauben fiel mir allerdings wirklich schwer. Aber jetzt erlebte ich es selbst.

Meine Tante kam, wir haben zusammen gegessen, sie spielte mit den Kindern, mein Mann erledigte noch das ein oder andere und ich lag total entspannt auf dem Sofa. Unser Kleiner wurde dann zum Mittagsschlaf hingelegt. Langsam spürte ich, dass die Wehen stärker wurden und auch in die Richtung gingen, wie ich sie kannte. Wir warteten noch, bis der Mittagsschlaf beendet wurde, verabschiedeten uns in aller Ruhe und sind dann tiefenentspannt ins Geburtshaus gefahren. Aber langsam wurde es deutlich intensiver.

Die Wehen waren kräftig und auch immer schmerzhafter. Der Traum von einer schmerzfreien Geburt schien geplatzt. Die ganze Vorbereitung war wohl sinnlos. Meine Hebamme untersuchte mich; 3cm! Ich konnte es nicht glauben, ich hatte mit deutlich mehr gerechnet. Langsam stieg in mir Panik auf, die Wehen wurden stärker und sehr schmerzhaft, ich fühlte mich mit der Atmung total überfordert. Und ständig der Gedanke: „erst 3cm“.

Das Wunder der Geburt

Ich war wirklich verzweifelt: „Ich schaff es nicht“. Aber in ein Krankenhaus, zur erlösenden PDA würde ich es auch nicht schaffen. Und dann kam mein wundervoller Mann zu mir, er erkannte meine Panik, ruhig setzte er sich neben mich und sagte: „Schatz, alles ist gut, dir kann nichts passieren“.

Und in diesem Moment war es, als hätte ich eine Erleuchtung. Keine Worte dieser Welt reichen aus, um diesen Moment zu beschreiben. Und wenn ich einen Film gesehen hätte, in dem ein solcher Moment gezeigt worden wäre, hätte ich es sehr unrealistisch gefunden. Aber es war Realität!

Plötzlich hatte ich alle meine Affirmationskarten vor Augen, alles Positive, was ich in der Schwangerschaft über Geburten gelernt hatte, alle kraftgebenden Geburtsberichte. Einfach alles war da, und das Beste war, die Schmerzen waren weg.

Ich hatte noch zwei sehr sehr starke Wehen, die aber absolut schmerzfrei waren und dann haben die Presswehen eingesetzt. Von 3cm, bis zu dem Augenblick, als dieser wunderschöne Junge vor mir lag, dauerte es nur 40 Min!

Da lag er also, ein kurzer kräftiger Schrei, und schon schlief er seelenruhig weiter. Ich nahm ihn auf den Arm und ging wie selbstverständlich ins Bett und wir kuschelten ausgiebig. Mein Mann war total platt, für ihn muss es auch wirklich komisch ausgesehen haben. Im Vierfüßler, die Arme auf ihn gestützt, habe ich auf dem Boden unser Kind bekommen und bin dann einfach aufgestanden als hätte ich mir gerade die Schuhe gebunden.

Es war der krasseste Moment, den ich jemals erlebt habe. Und er wird mir für den Rest meines Lebens ein Wegweiser sein. Er wird mich immer daran erinnern, wie unfassbar stark wir Frauen sind. Dass man sehr viel mehr schaffen kann, als man sich selbst zutraut. Dass alle Antworten in der Liebe und in der Natur zu finden sind. Dass sich Hingabe und Vertrauen lohnen.

Was ich dir mitgeben möchte

Diese Geburt war keine besondere Leistung von mir. Sie war einfach nur natürlich.

Eine Geburt ist schön und schmerzarm, zumindest hat es die Natur so vorgesehen. Leider werden wir auf ganz vielfältige Weise von einer natürlichen Geburt abgehalten: da sind unsere eigenen Erfahrungen, wenn wir schon selbst ein Kind geboren haben und davon ausgehen, dass man einen solchen Schmerz nicht durch ein paar doofe Atemübungen los wird. (Nur ganz am Rande: wenn wir in der richtigen Stimmung sind, ist unser Körper in der Lage Hormone zu produzieren, die 200mal stärker wirken als jedes künstliche Schmerzmittel!!!) Da sind die Erfahrungen von unserem Umfeld, die uns durch ihre Horror-Geburtsberichte immer wieder darin erinnern, wie schrecklich eine Geburt sein kann. Da ist die Gesellschaft, die einfach davon ausgeht, dass eine Geburt schmerzhaft ist, schon in Kinderbüchern wird davon erzählt, dass es Mama wehtut, wenn das Baby kommt. Und da ist das Krankenhaus. Leider sind die Hebammen dort oft unterbesetzt und auf jeden Fall unterbezahlt und genug wertgeschätzt werden sie auch nicht. Den Ärzten wird es ähnlich gehen. Zur Folge hat das, dass sie sich nicht in dem Maß um eine Frau kümmern können, wie es nötig ist. Es kann nicht individuell auf die Frau eingegangen werden.

Was ich dir damit sagen möchte? Es ist nicht deine Schuld oder dein Versäumnis, dass du eine schmerzhafte Geburt erlebt hast, oder dass du davon ausgehst, dass die Geburt schmerzhaft wird.

Aber vertraue mir, sie muss es nicht sein. Wenn du die Geburt noch vor dir hast, dann informier dich, lese positive Geburtsberichte. Lese positive Bücher. Suche dir eine Hebamme die dich bei der Vorsorge bestärkt und unterstützt. Ziehe alle Orte für eine Geburt in Erwägung, fälle nicht vorschnell ein Urteil. Es lohnt sich wirklich.

Und wenn du die Geburt schon hinter dir hast, kümmere dich um deine Heilung. Und hier spreche ich nicht nur von körperlichen Wunden, sondern ganz besonders von den seelischen. Eine Geburt aufzuarbeiten kann dir sehr viel Kraft geben. Fordere deinen Geburtsbericht ein. Wunden können nur heilen, wenn wir uns derer bewusst sind.

Autorin: Annika

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