Der Vagusnerv – Was der Selbstheilungsnerv mit gesundem Babyschlaf zu tun hat

Der Vagusnerv ist der längste unserer Hirnnerven und als größter Nerv des parasympathischen Nervensystems mit verantwortlich für unsere Selbstheilung. In diesem Artikel erfährst du alles Wichtige über diesen besonderen Nerv, welche Aufgaben er hat, wie sich eine Dysbalance auch langfristig auf das Leben auswirken kann und was das alles mit gesundem Babyschlaf zu tun hat.

Nervus Vagus

Der „Umherschweifende“ oder „Vagabundierende“, wie der Vagusnerv auch genannt wird, ist der 10. Hirnnerv. Er verläuft vom Hirnstamm bis in alle lebenswichtigen Organe und besteht aus zwei Ästen, die zwar unter demselben Namen geführt werden, aber völlig unterschiedliche Aufgaben haben.

Der vordere Ast beginnt bei deinem Zwerchfell und endet im Kopf. Er ist unter anderem mitverantwortlich für deine Herz- und Atemfrequenz, deine Gesichtsmuskulatur und somit auch für deine Mimik oder Stimmlage. Der hintere Ast verläuft vom Zwerchfell abwärts. Er ist der langsamere Nerv und z. B. verantwortlich für deine Verdauunsprozesse.

Insgesamt übermitteln 20% der Fasern des Vagusnervs Informationen vom Gehirn an die Organe, um verschiedene Handlungen einzuleiten und ganze 80% informieren dein Gehirn über den Zustand deines Körpers. Vielleicht regiert also doch der Bauch über den Kopf?

Die Aufgaben des Vagusnervs

Welche Aufgaben haben nun aber diese beiden Stränge des Vagusnervs und was hat das alles mit Selbstheilung zu tun?

Die 3 „Systemzustände“

Es gibt 3 Zustände, die unterschieden werden können:

Im „Normalzustand“ sollte dein vorderer Vagus hauptsächlich aktiv sein. In diesem Zustand fühlen wir uns sicher und wohl. Man ist anderen Menschen gegenüber aufgeschlossen und empfindet Freude, Zufriedenheit oder andere positive Gefühle.

Dieser Zustand wird abgelöst, sobald du dich unwohl fühlst, sobald du dich in Gefahr befindest (auch wenn diese zum Teil noch gar nicht bewusst empfunden wird). Dann schaltet sich der Sympathikus ein und versetzt deinen Körper in Alarmbereitschaft. Er sorgt für unser Überleben und unsere Sicherheit. Das führt dazu, dass der vordere Teil des Vagusnervs heruntergefahren wird. Das Herz rast, der Blutdruck steigt, Appetit und Darmaktivitäten werden eingestellt. Dein Verhalten anderen gegenüber verändert sich von sozial aufgeschlossen zu angespannt und ängstlich – deine Bindungs- und Beziehungsfähigkeit sinkt enorm. Alle Energiereserven werden für Kampf oder Flucht eingespart.

Ist die Situation so dramatisch, dass auch Kampf und Flucht keine Option sind, schaltet dein Körper in einen dritten Zustand um. In diesem spielt der hintere Vagusnerv die Hauptrolle – Jetzt geht es nur noch ums Überleben. In diesem Zustand werden jegliche Empfindungen unterbunden. Der Körper wird in einen absoluten Schutzzustand und Energiesparmodus versetzt.

Mögliche Folgen einer Dysbalance

Normalerweise wechseln sich diese Zustände im Alltag ab und sorgen für einen Gleichgewichtszustand. Dabei ist der „Normalzustand“ der bevorzugte, in den immer wieder zurück gewechselt wird. Passiert das nicht mehr, weil du im „Überlebensmodus“ stecken bleibst, folgen unweigerlich irgendwann Symptome, die von einfachem Unwohlsein bis hin zu schwerwiegenden Erkrankungen führen können.

Wird das System nicht immer wieder durch den vorderen Strang beruhigt, können z. B. chronische Verspannungszustände folgen; Zähneknirschen, verspannte Schultern oder kalte Hände, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ebenso können auch psychische Probleme auf diese Weise entstehen. Die Vielfalt der möglichen Folgen ist groß: Energiemangel, Konzentrationsstörungen oder Entscheidungsschwäche gehören ebenso dazu, wie Herz- und Lungenbeschwerden, Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall, Sodbrennen oder Appetitlosigkeit, ungesunde Schlafmuster oder Kopfschmerzen.

Selbst dann, wenn der hintere Strang chronisch aktiv ist, ohne dies auf extreme Art zu sein, kann dies schon zu depressiven Gefühlen führen.

Vagusnerv & Babyschlaf

Babys und der Vagusnerv

Was genau hat jetzt aber der Babyschlaf mit all dem zu tun? Dafür werfen wir einen Blick darauf, wie unser Stresssystem aufgebaut wird. Unser Körper speichert sehr früh ab, wie gefährlich oder stressig unsere Umwelt ist, um bei wiederkehrenden Situationen bestmöglich geschützt zu sein. Unglaublich viele Faktoren, auch schon während der Schwangerschaft, haben Einfluss auf dieses Stresssystem, das ungefähr bis zum 3. Lebensjahr ausgebildet wird.

Physiologische Frühgeburten

Wenn dein Baby auf die Welt kommt, ist es eine physiologische Frühgeburt, da es zu einem Zeitpunkt geboren wird, an dem es gerade noch durch dein Becken passt und es trotzdem den bestmöglichen Entwicklungsstand hat. Eigentlich müssten unsere Babys jedoch noch einige Monate länger im Bauch bleiben, um z. B. ein ausgereifteres Gehirn oder Nervensystem zu besitzen.

Babyschlaf

Genau dieses unausgereifte Nervensystem kommt beim Thema Schlaf ins Spiel. Der Vagusnerv muss nämlich auch lernen, den Körper in einen Ruhezustand zu versetzen, damit dein Baby einschlafen kann. Da sich dein Baby noch nicht selbst regulieren kann, benötigt es für diesen Schritt eine vertraute Bezugsperson zur Co-Regulierung. So kann es sein Nervensystem an das eines Erwachsenen koppeln und langsam runterfahren. Diese Art der Fremdregulation benötigen Babys und Kleinkinder in vielen Bereichen über mehrere Jahre, bis sie endlich in allen Bereichen die Selbstregulation erlernt haben.

Lernt das Baby also auf entspannte Art einschlafen, z. B. durch Stillen, Tragen oder Kuscheln, wird eine sichere Umgebung abgespeichert. Muss es jedoch z. B. durch ein Schlaftraining einschlafen, bei dem es sich alleine in den Schlaf schreit, verfällt der Körper in den oben genannten dritten Zustand. Das Baby kann sich nicht alleine beruhigen, es kann nicht alleine „runterfahren“ und es empfindet alleine gelassen werden als absolut bedrohlich. Das Baby findet so nur durch eine Art „Not-Aus“ in den Schlaf. Der Körper speichert ab, dass es sich in einer sehr stressigen, lebensbedrohlichen Situation befindet. So wird schon das erste Ungleichgewicht in die Funktion des Vagusnervs gebracht. Je häufiger ein Kind solche stressigen Situationen erlebt und abspeichert, umso häufiger wird es auch in seinem zukünftigen Leben verschiedene Situationen als stressig erfahren, da im Stresssystem abgespeichert ist, dass das Baby anscheinend in einer sehr gefährlichen Umgebung lebt.

Damit kommen wir zurück zu der Funktion des Vagusnervs. Kann er nicht überwiegend im „Normalzustand“ laufen, weil ein Mensch seine Umwelt als eher gefährlich wahrnimmt, werden auch die gesunden, heilenden Körperprozesse nicht optimal genutzt, sodass die oben beschriebenen Symptome und Krankheiten auftreten können.

Behandlung

Die Auswirkungen einer Fehlregulation des Nervensystems sind also, wie wir jetzt erfahren haben, zum Teil sehr schwerwiegend. Was aber, wenn man nun kein Baby mehr vor sich hat, bei dem man vielleicht noch Einfluss auf die Funktionsweise des Vagusnervs nehmen kann? Was, wenn man selbst unter einer solchen Fehlfunktion leidet? Auch dann gibt es Möglichkeiten, für Besserung zu sorgen. Wobei die meisten Optionen darin liegen, mit der Fehlfunktion zu leben, sie zu erkennen und angemessen darauf reagieren zu können.

In (Trauma-)Therapien kann man z. B. lernen, die ungesunden Körperreaktionen zu erkennen und anschließend Interventionstechniken erlernen, um diese „Kampf oder Flucht“-Zustände zu verlassen.

Neben Therapiemöglichkeiten gibt es aber auch eine Menge Übungen, die du regelmäßig wiederholen kannst, um für Besserung zu sorgen und den vorderen Strang des Vagusnervs zu aktivieren. Du kannst z. B. aktiv deine Gesichtsmuskeln entspannen, Atemübungen machen und dich möglichst viel in der Natur aufhalten.

Fazit

Wie du siehst, hat der Vagusnerv, über den man so selten etwas hört, eine sehr bedeutende Rolle in unserem Körper. Es lohnt sich also, schon früh darauf zu achten, dass der Vagusnerv möglichst optimal in seine Funktion findet. Und wenn du selbst das Gefühl hast, du könntest von einer Fehlfunktion betroffen sein, lohnt es sich daran zu arbeiten. Denn es gibt kaum etwas kostbareres, als die eigenen Selbstheilungskräfte nutzen zu können.

Autorin: Anna

Quellen:

Natur und Heilen – Ausgabe 12/2019 – „Nervus Vagus“ von Iris Eisenbeiß

Ausbildungsunterlagen „Babyschlaf-Coach“ von Nicola Schmidt und Sarah Schäppi

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