Windelfrei weltweit – Wo Babys ohne Windeln Normalität sind

Kulturschock auf beiden Seiten, so hatten wir uns das irgendwie nicht vorgestellt. Der Kontrast war … unglaublich. Und dann führten wir dieses Telefonat, in dem wir uns über all das unterhielten, was wir befremdlich fanden. Sie erzählte, dass die Menschen dort ihre Babys auf dem Arm tragen, mit Hosen, die man hinten öffnen kann. Und dann, wenn die Kinder müssen, werden sie einfach auf der Straße abgehalten. OHNE WINDEL! Geht’s noch? Wie ekelhaft kann man sein? Dafür gibt es doch Windeln, warum zum Teufel nutzen die keine Windeln? …

Das war dann also mein Erstkontakt zu „Windelfrei“. Seit dem hat sich, wie ihr vielleicht erraten könnt, viel verändert, was meine Einstellung zu Windelfrei angeht. Wie sehr ich heute beim Gedanken an dieses Telefonat lachen muss. Ich berate mittlerweile Eltern zu dem Thema und halte Workshops (mehr dazu weiter unten) ab, um (werdende)Eltern mit diesem schönen Thema vertraut zu machen, wer hätte das gedacht.

Windelfrei

Aber was genau ist denn nun eigentlich windelfrei? Von Geburt an äußert sich dein Baby, wenn es muss. Denn kein Baby möchte in seinen Ausscheidungen liegen oder seinen Träger (denn Babys sind Traglinge) beschmutzen. Wir achten meist nicht auf diese Signale und den meisten Menschen hier ist es auch gar nicht bewusst, dass Babys überhaupt diese Fähigkeit besitzen. Deshalb ist es das Ziel von windelfrei, die Kommunikation mit dem Baby so zu verbessern, dass man es abhalten kann, wann immer es unsere Hilfe dabei braucht. Achtet man nicht auf diese Signale, verliert das Baby sie irgendwann und lernt, sich in nassen Windeln wohlzufühlen. Es muss dann, zu einem späteren Zeitpunkt wieder lernen, seine Ausscheidungen richtig wahrzunehmen und klar zu kommunizieren.

Windelfrei heißt dabei aber nicht automatisch, dass dein Baby niemals Windeln tragen „darf“. Nein, es gibt eine Vielzahl an Optionen windelfrei in den Alltag zu integrieren, ohne komplett auf Windeln verzichten zu müssen. Viel wichtiger ist es, die Kommunikation aufrecht zu erhalten und zu verbessern und gleichzeitig eure Bindung zu stärken.

Du kannst dein Baby zum Beispiel stundenweise ohne Windeln lassen oder immer eine Windel als Backup benutzen und es trotzdem immer dann abhalten, wenn es muss. Du kannst ihm nur bei Ausflügen oder in der Betreuung eine Windel anziehen oder in Phasen, in denen es einfach zu anstrengend ist, häufige Unfälle aufzuwischen.

Windelfrei weltweit

Was hier für die meisten Menschen noch sehr befremdlich und mit vielen Vorurteilen belegt ist, ist in den meisten Teilen der Welt Normalität. Man schätzt, dass zwischen 65 und 85 % der Weltbevölkerung windelfrei lebt. Die exakten Zahlen sind dabei schwer zu ermitteln, weil windelfrei unterschiedlich interpretiert werden kann. Dazu kommt, dass windelfrei einem Wandel unterliegt. In manchen Regionen gehen die Zahlen zurück, weil Wegwerfwindeln auf dem Vormarsch sind, in anderen erhöhen sich die Zahlen wieder, weil das Wissen über Windelfrei wächst. Zudem ist Windelfrei oft ein Kostenfaktor, da ein Baby ohne Windeln natürlich deutlich niedrigere Kosten verursacht, sodass häufig ländliche Regionen einen höheren Windelfrei-Anteil haben als städtische Regionen.

Trotz allem kann man aber sagen, dass der Großteil der Welt seine Babys windelfrei aufzieht und somit von den Vorteilen von Windelfrei für Mensch und Natur profitiert. An vorderer Stelle steht da die verbesserte Bindung zum Baby. Denn gibt es etwas schöneres, als die Bedürfnisse dieses kleinen Wesens zu erkennen und zu erfüllen? Außerdem sind Windelfrei-Babys in der Regel deutlich früher trocken, als Babys mit Windeln. Bettnässen oder Windeldermatitis kommen darüber hinaus deutlich seltener oder gar nicht vor.

In großen, vor allem ländlichen Teilen Asiens und Afrikas kommt windelfrei vor, ebenso wie in weiten Gebieten Zentral- und Südamerikas. Sogar in den Polarregionen wird es praktiziert. In Europa gehören Länder wie Bulgarien, Polen, Rumänien, Russland oder die Slowakei zu den Ländern, in denen Windelfrei praktiziert wird.

In all diesen Ländern gibt es sehr unterschiedliche Formen von Windelfrei. Bei vielen Kulturen wird komplett auf die Windel verzichtet. Gerade bei höheren Temperaturen werden die Kinder oft unten herum frei gelassen oder sie tragen z. B. Splitpants, um langwieriges Ausziehen zu vermeiden. Einige Kulturen nutzen Töpfchen oder halten die Babys und Kleinkinder über Schüsseln, Toiletten oder ähnlichem ab, andere sorgen einfach nur dafür, dass die Ausscheidungen in der Natur landen, dort wo man gerade geht oder steht. Auch der Zeitpunkt, ab wann Babys abgehalten werden unterscheidet sich. Einige fangen direkt nach der Geburt an, andere erst mit 6 Monaten.

Vor allem Kulturen, die sehr bindungsorientiert leben, lassen ihre Babys windelfrei sauber werden. Wie in eigentlich jeder Kultur wird auch dort das „Sauber werden“ als anstrengend angesehen, man möchte es aber lieber möglichst früh und möglichst hygienisch umsetzen. Befragt man die Menschen unterschiedlicher Länder, ab wann ein Kind denn trocken wäre, so kann man hier deutliche Unterschiede erkennen, da ein Baby in Windelfrei-Regionen meist als trocken gilt, sobald es (mit Hilfe) nicht mehr in Windeln/die Hose macht. Während man in westlichen Ländern davon ausgeht, dass es mindestens 18 Monate dauert, bis ein Kind trocken ist, lautet die Antwort in Asien und Afrika meist 6-12 Monate.

Was fast alle diese Kulturen gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie die Singale ihrer Babys erkennen. Sie kennen es seit Generationen nicht anders und lernen von klein auf, dass Babys natürlich mitteilen können, wenn sie müssen. Etwas, das wir erst (wieder) lernen müssen.

Windelfrei in Deutschland

Auch hier bei uns wurde windelfrei über mehrere Jahrzehnte praktiziert. Vor allem in den Zeiten, bevor die Wegwerfwindeln für alle verfügbar waren, war windelfrei ein Kosten- und Zeitfaktor: Jede Stoffwindel, die nicht nass oder dreckig war, bedeutete auch, dass weniger gewaschen werden musste. Abhalten hatte also ganz praktische Hintergründe.

Man hielt die Kinder jedoch meist nicht nach Signal und Ausscheidungsbedürfnis ab, sondern nach festen Zeitplänen. Üblich war z. B. das Baby nach dem Aufwachen, nach Mahlzeiten und tagsüber ca. alle 30 Minuten abzuhalten und leichten Druck auf den Unterleib auszuüben, damit das Kind schnell merkt, was es zu tun hat. Das Abhalten wurde zum Ende hin mit immer harscheren Praktiken begleitet, sodass man zu dem Entschluss kam, Windelfrei wäre keine gute Sauberkeitsmethode für Säuglinge. Dazu war es für viele Mütter sehr anstrengend, sodass nicht zuletzt der Boom der Windelindustrie dafür sorgte, dass das natürliche Sauberwerden bzw. Saubersein unserer Babys in Vergessenheit geriet oder lächerlich gemacht wurde.

Gegen Ende des 20. Bzw. Anfang des 21. Jahrhunderts wurde das Thema dann aus verschiedenen Richtungen wieder aufgegriffen und erreicht mittlerweile eine immer breitere Gruppe an (werdenden) Eltern, die mit ihren Babys windelfrei leben wollen.

Fazit

Windelfrei ist die natürlichste Form, unsere Babys sauber werden zu lassen. Es ist ein sehr spannendes und faszinierendes Thema. Alle, die windelfrei einmal erfolgreich ausprobiert haben, die gesehen habe, dass das Baby Signale sendet und überglücklich ist, dass es abgehalten wird, sind begeistert von dieser Option.

Und wir alle müssen Zeit und Geduld in unserer Kinder investieren, damit sie trocken werden, warum also nicht direkt damit beginnen und gleichzeitig die Bindung zu deinem Baby vertiefen?

Workshop

Wenn auch du dich für dieses Thema interessierst, kannst du in zwei Wochen, am 07.04. von 17:00 -19:00 Uhr meinen Online-Workshop besuchen. Der Workshop ist Teil einer 7teiligen Workshop-Reihe rund um natürliches Familienleben.

In den zwei Stunden werde ich dir erzählen, wie du in das Thema einsteigen kannst, wann man anfängt und wie, welche Vorteile windelfrei hat und was man beachten muss. Wir werden darüber sprechen, was man machen kann, wenn es mal nicht klappt und Zeit haben, deine Fragen zu beantworten.

Mehr Informationen zur Workshop-Reihe findest du hier.

Autorin: Anna

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